Philister

Die Philister, die Beschränkten,
diese geistig Eingeengten
darfst Du nie und nimmer necken.
Aber weite, kluge Herzen
wissen stets in unsren Scherzen
Lieb und Freundschaft zu entdecken.
Heinrich Heine

Der Ausdruck Philister bezeichnet abwertend jemanden, der Kunst (zumeist Avantgarde-Kunst) und damit zusammenhängende ästhetische oder geistige Werte nicht schätzt oder verachtet, dabei aber unkritisch vorgefertigte, oft als bürgerlich bzw. spießbürgerlich bezeichnete Vorstellungen übernimmt und anwendet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Philister_%28%C3%84sthetik%29

Ich kenne solche Leute. Also ich weiß nicht, ob die alle unter den Begriff „Philister“ fallen. Ich denke dabei an all die Menschen, die in einer kleinen, tristen Welt leben und es entweder nicht merken oder sogar noch stolz darauf sind. Und ich bin mir nie sicher, ob ich sie bemitleiden oder verachten soll.

Da gibt es die, die es nicht merken und deren Horizont einfach sehr beschränkt ist. Die bemitleide ich eher. Sie nehmen ihre Welt so wahr, wie sie sie gerne hätten und sehen weder nach links, noch nach rechts. Sie interessieren sich für nichts, was sie nicht kennen und vor allem, sie wollen sich auch für gar nichts interessieren.

Da macht mein Mitleid manchmal Platz für grenzenlose Verwunderung und absolutes Unverständnis von meiner Seite. Wenn ich ein Wort oder einen Ausdruck höre oder lese, den ich nicht kenne; was hindert mich daran zu schauen, was es bedeutet? Heutzutage doch wohl gar nichts mehr. Google macht es möglich, immer und überall an Informationen zu kommen.

Aber diese Art von Menschen hat anscheinend keinerlei Interesse daran, etwas Neues zu erfahren. Ob es jetzt darum geht, wo eigentlich das Land genau ist, von dem gerade der Bekannte redet. Oder welche Religion das eigentlich ist, der ein Kollege angehört. Oder was dieser Begriff nun genau bedeutet, den sie zwar schon einige Male gehört haben, aber nicht wirklich erklären können.

Ich sehe mir solche Leute an und dann wundere ich mich, was in ihren Köpfen eigentlich vorgeht. Wenn man von dem ausgeht, was sie den ganzen Tag von sich geben, dann eher nicht viel. Eine Arbeit, die mir stumpfsinnig vorkommt, empfinden sie als anstrengend und stressig. Die Aussicht mal etwas Neues zu machen, schreckt sie eher ab, als dass sie sich darauf freuen würden. Erzählt man ihnen mal von etwas, das sie nicht kennen, fragen sie gar nicht danach, sondern ziehen sich eher zurück und man merkt, dass sie mit diesen, ihnen unbekannten Dingen gar nicht in Berührung kommen möchten.

Und dann sind da noch die, die stolz darauf sind, dass sie sich für nichts interessieren. Ich glaube, dass das die wahren „Philister“ sind.

Diese Leute, die sich rühmen, dass für sie nur Arbeit zählt und die jegliche Art von Vergnügen ablehnen. Die voller Begeisterung erzählen, dass sie keine Zeit für so etwas wie Bücher oder Filme (außer „Barbara Karlich“ oder irgendeine ihrem stumpfsinnigen Geist entsprechende Sendung) haben; das sogar verächtlich als Zeitverschwendung abtun. Die stolz darauf sind, dass sie in ihrem ganzen Leben nur ein Mal im Kino waren und noch nie im Theater. Die zwar noch nie in anderen Ländern waren (außer in Tschechien um billig einzukaufen und zu essen), aber trotzdem nur naserümpfend zuhören, wenn jemand begeistert von Erfahrungen in einem anderen Land spricht und sich insgeheim sicher sind, dass es dort grauenhaft sein muss. Die es aber gleichzeitig nicht für nötig halten, sich mal die eigene Bundeshauptstadt anzusehen. Ach ja, Urlaub ist was für arbeitscheue Leute, sie selber haben für so etwas keine Zeit.

Denn um sich der Leere in ihrem Inneren nicht stellen zu müssen, reden sich solche Leute natürlich ein, dass ohne sie die Welt zusammenbrechen würde (zumindest ihre kleine, beschränkte) und sie unverzichtbar sind. Wehe, wenn dann jemand kommt und ihnen zeigt, dass es ohne sie vielleicht sogar besser geht.

Aber eigentlich haben solche Leute von niemanden eine gute Meinung. Schon gar nicht vor Menschen, die ihr Leben offensichtlich genießen und dabei auch noch zufrieden sind.

Wem ist denn damit geholfen, wenn ich es mir selber versage, das Leben zu genießen oder es mit gut gehen zu lassen? Niemandem oder? Im Gegenteil; es schadet wohl nicht nur mir, wenn ich unzufrieden bin.

Lesen ist ja kein richtiges Hobby!

Es gibt ja Leute, die glauben, dass Lesen eine sinnlose Beschäftigung ist. Denn beim Lesen tut man ja gar nichts. Gerne wird das von Leuten behauptet, die erstens selber oft vor dem Fernseher sitzen und zweitens seit der Schule freiwillig kein Buch mehr in die Hand genommen haben. Dabei ist Lesen eine so schöne Art des Gehirntrainings!

Erst einmal wird logischerweise alles trainiert, was man sonst im Deutschunterricht lernt. Schnelles, sinnerfassendes Lesen, Grammatik und Rechtschreibung.

Schnell lesen zu können und dabei auch den Sinn zu verstehen und die Informationen schnell mit schon vorhandenem Wissen verknüpfen zu können, ist heute wichtiger denn je. Ja, man kann sich aus dem Internet alle Informationen beschaffen, die man braucht. Aber nur wenn ich schnell erfasse, was da in den Zusammenfassungen steht und auch schnell erkenne, ob es das ist, was ich suche, dann bringen mir diese vielen Informationen auch wirklich einen Nutzen.

Rechtschreibung und Grammatik prägen sich auch besser dadurch ein, dass man sie in angewendeter Form immer wieder sieht, als durch das Erlernen von Regeln. Dieses Gefühl, das manche in Bezug auf Rechtschreibung und Grammatik entwickeln kommt eben davon, dass man etwas schon hunderte oder tausende Male gelesen hat.

Aber ganz abgesehen von all dem bringt Lesen aber noch so viel mehr. Beim Lesen entstehen Bilder im Kopf. Man stellt sich Personen, Landschaften, Häuser… vor. Man fühlt mit den Figuren mit, erlebt Abenteuer, lacht und weint.

Wie trostlos muss das Innenleben eines Menschen sein, der sich nicht in andere hineinversetzen will oder kann?

Wie traurig muss es sein, nicht die Fähigkeit zu haben, mit einer Romanfigur mitzufühlen?

Wie engstirnig muss jemand sein, der gar keine neuen Ansichten oder Standpunkte kennenlernen will? Oder wie ängstlich, weil seine eigene Anschauung vielleicht ins wanken kommen könnte?

Für manche mag es vielleicht oft ausgesehen haben, als ob ich beim stundenlagen Lesen nur Zeit vertrödelt habe. Dabei hat mich das eigentlich immer davor bewahrt zu Drogen zu greifen, wenn mir der Alltag wieder einmal zuviel geworden ist und ich am liebsten davonlaufen wollte. Ich habe mich dann eben in eine Geschichte geflüchtet.

Ich kann mit bestimmten Geschichten verschiedene Gefühle in mir hervorholen. Tauche ich in eine Geschichte ein, wo sich zwei Menschen finden und ineinander verlieben, dann wallt auch bei mir das Gefühl des Verliebtseins wieder auf.

Lese ich von Schicksalschlägen und einem tragischen Leben, dann kann ich wieder etwas zufriedener sein, mit dem, was ich habe.

Wenn ich eine Geschichte über ein krankes Kind lese, dass nach langem Kampf gestorben ist, dann empfinde ich meine eigenen Kinder nicht mehr als nervtötende Störenfriede, sondern bin dankbar dafür, dass sie so lebendig sind.

Ich kann lachen, weinen, abenteuerlustig sein, mich unheimlich über Menschen ärgern oder Erkenntnisse über mein Leben gewinnen und das alles von der Couch aus. Also wenn das nichts ist? Schade dass, so viele Menschen das alles nicht können. Gerade denjenigen, die Lesen so gar nicht als sinnvolle Beschäftigung ansehen, würde all das nicht schaden. Und ich hoffe immer noch, dass ich meinen Kindern auch noch die Welt der Bücher und Geschichten eröffnen kann. (Mehr darüber habe ich schon einmal in einem anderen Beitrag geschrieben.)