Leseprobe

Cover_Dannory_Titel (3)KAPITEL 1

»Ich habe geträumt, dass Rory ihre Augen geöffnet hat.«

»Du denkst, dass die beiden es sich also bald eingestehen werden?«

»Ich rechne eigentlich schon lange damit, aber Rory bleibt sich auch in dieser Hinsicht treu. Sie glaubt immer noch, dass sie mit allem alleine zurechtkommen muss.«

»Aber Danny hätte doch auch Grund genug, sich Gedanken zu machen.«

»Ehrlich gesagt, glaube ich, dass Danny mehr weiß, als ihm lieb ist. Er will es sich nur nicht eingestehen.«

»Es überrascht mich trotzdem, dass es so lange gedauert hat.«

»Nun ja, in den letzten Jahren ist ihr Leben relativ ruhig verlaufen. Und die außergewöhnlichen Umstände, die ihre Beziehung begleiten, waren wohl noch nicht so belastend.«

»Ja, das stimmt wahrscheinlich. Überraschenderweise haben die anderen sie in Ruhe gelassen. Sie wissen wohl auch, dass es diesmal um viel mehr geht, als je zuvor. Deshalb werden sie auch sicher ihre Trümpfe haben und warten nur darauf, sie einzusetzen.«

»Sie haben einfach abgewartet, bis manches zu offensichtlich wird, um es weiter ignorieren zu können. Und die Frage ihres Aussehens wird nun schön langsam zu einem Problem, dem sie sich stellen müssen. Ihr Kinderwunsch wahrscheinlich auch.«

»Sie werden also bald zu uns kommen?«

»Ja, wir sollten uns darauf vorbereiten.«


 

»Endlich bist du da! Wir warten schon auf dich.« Mit diesen Worten nahm ich meiner Freundin Ella die Jacke ab.

»Wer ist denn sonst noch da?«, wollte sie wissen.

»Na die Üblichen eben. Madita, Caro und Irina.«

»Was ist eigentlich der Anlass für unser Treffen? Ich war mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht einen Geburtstag vergessen habe, also habe ich sicherheitshalber Blumen mitgebracht. Und dann habe ich mich gefragt, ob ich auch noch ein Geschenk mitnehmen sollte, aber ich habe nichts Passendes zu Hause gehabt. Und Irina habe ich am Telefon nicht mehr erreicht und ihr Mann hat auch nicht gewusst, ob jemand von uns Geburtstag hatte, aber zumindest hat er gesagt, dass Irina kein Geschenk mitgenommen hat. Bei Madita wollte ich dann aber nicht auch noch anrufen.«

»Nein, du hast keinen Geburtstag vergessen! Außerdem feiern wir in unserem Alter doch nicht mehr. Wir bleiben für immer neunundzwanzig, schon vergessen?«

»Na dann, hier nimm du sie!« Ella reichte mir die Blumen.

»Danke.« Noch etwas überfordert von ihrem schnellen Redefluss stand ich verloren mit den Blumen in der offenen Haustüre, während sie an mir vorbei ins Wohnzimmer rauschte und dort lautstark die anderen begrüßte. Nachdem ich die Blumen versorgt hatte, drückte ich Ella ebenfalls ein Glas Champagner in die Hand und lotste sie zur Ledercouch, wo es sich die anderen schon gemütlich gemacht hatten.

»Oh, Champagner! Es gibt wohl doch etwas zu feiern. Aber erst hast du gesagt …«

Ich fiel ihr einfach ins Wort, was Irina mit einem verstohlenen Grinsen und Madita mit einem Augenverdrehen quittierte. »Ja, es gibt einen Grund! Caro!«

Nun lehnte sich Ella endlich mal entspannt zurück und blickte erwartungsvoll zu Caro, die sofort etwas verlegen wurde. Sie stand nicht gerne im Mittelpunkt, nicht einmal hier, unter guten Freunden. Aber so leicht kam sie mir heute nicht davon und das wusste sie auch.

Also fügte sie sich und gab endlich den Grund unseres Treffens bekannt. »Ich bin verlobt!«, sagte sie in ihrer typisch zurückhaltenden Art.

Alle gratulierten ihr und nach dem kurzen Wirbel um ihre Person, der Caro sichtlich unangenehm war, kehrte wieder ein wenig Ruhe ein. Soweit man bei Ellas lauter Stimme von Ruhe sprechen konnte. Allerdings sprachen alle weiterhin über die bevorstehende Hochzeit.

»Und er war tatsächlich dein erster Freund?« Madita sah erst Caro und dann mich mit spöttisch hochgezogenen Augenbrauen an. »Was ist das nur für ein Kaff, aus dem ihr beide kommt? Ist es denn da normal, dass man gleich den Erstbesten nimmt?«

»Nein, dort ist es sogar Pflicht! Man muss den Ersten heiraten, den man küsst. Ja, es herrschen strenge Sitten in diesem Ort«, antwortete ich trocken.

»Deshalb hast du wohl schon so jung geheiratet.« Madita sah mich herausfordernd an. Schon öfter hatte sie versucht, mir Details über die Beziehung zwischen meinem Mann und mir zu entlocken, aber ich hatte es immer wieder geschafft, ihr auszuweichen.

»Caro wollte uns doch gerade erzählen, wie sie und Moritz sich kennengelernt haben«, versuchte ich auch diesmal wieder, von mir abzulenken. Okay, das war etwas plump. Wahrscheinlich ging deswegen niemand darauf ein.

»Also mich würde endlich mal interessieren, wie du deinen Mann kennengelernt hast. Nichts für ungut«, sagte Madita an Caro gewandt. »Aber Rory vermeidet es so zwanghaft, darüber zu sprechen, dass ich mich langsam frage, warum.«

»Und das geht ja nicht nur uns so«, meldete sich Ella auch wieder zu Wort. »Über euch beide sind die unglaublichsten Gerüchte in Umlauf.«

»Was denn so?«, fragte nun ausgerechnet Caro.

Sie müsste eigentlich wissen, dass ich viel lieber das Thema wechseln würde. Dementsprechend verärgert war der Blick, den ich ihr, begleitet von einem Stoß unter dem Tisch, zuwarf. Aber sie erwiderte ihn seltsam herausfordernd.

»Ach die unglaublichsten Dinge«, versuchte Irina wieder etwas abzuwiegeln, aber heute blieb Caro mal standhaft.

»Na komm, erzähl doch! Im Gegensatz zu euch kenne ich diese Gerüchte ja nicht. Ich lebe ja nicht hier.«

Fragend sah ich Caro an, aber sie wich meinem Blick aus. Entweder hasste sie es wirklich so sehr, im Mittelpunkt zu stehen, und wollte mit ihrer Fragerei nur von sich ablenken, oder sie wollte nun doch endlich einmal einige längst fällige Antworten bekommen. Im Grunde hatte ich seit damals immer wieder mit so etwas gerechnet. Nur hätte ich eher vermutet, dass wir dann unter uns sein würden.

Irina seufzte. »Manche Leute behaupten, dass ihr Geschwister seid, weil ihr euch so ähnlich seht.« Ich grinste ein wenig, das hatte ich schon oft zu hören bekommen. »Dann gibt es da noch die Geschichte, dass du angeblich von seiner Familie für ihn extra so jung schon ausgesucht wurdest, damit sie dich noch dementsprechend erziehen konnten.« Das entlockte mir nur ein belustigtes Schnauben.

»Also das Blödeste, was ich gehört habe, war, dass ihr Vampire seid. Weil ihr beide so blass seid und auch noch so jung ausseht«, warf nun Ella ein. Dann beugte sie sich zu mir und starrte mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Letztens ist mir im Gemeindearchiv ein Zeitungsbild von eurer Hochzeit in die Hände gefallen. Wenn ich dich nun so ansehe, dann könnte ich schwören, dass du seitdem keinen Tag älter geworden bist.«

Ich versuchte, zu grinsen, aber in meinem Magen bildete sich ein Eisklumpen. Denn Ella hatte nicht ganz unrecht mit ihrer Aussage. Irina musterte mich nun ebenfalls ganz genau.

»Ich kann mich noch erinnern, dass ich deinen Mann und dich nach der Hochzeit vor dem Stadtamt gesehen habe. Und ich war total überrascht. Alle haben so ein Theater darum gemacht, dass der junge Bertani eine so viel Jüngere geheiratet hat und ich hatte immer das Bild eines verschreckten jungen Mädchens vor Augen. Aber du bist mir dann gar nicht so jung vorgekommen. Im Gegenteil, damals hätte ich dich auf ungefähr mein Alter geschätzt. Außerdem weiß ich noch, dass ihr beide völlig deplatziert gewirkt habt, inmitten all dieser Leute vor dem Stadtamt. Ihr habt so unwirklich ausgesehen; wie Filmstars, die plötzlich im echten Leben aufgetaucht sind.«

»Ihr seid ja auch ein richtiges Traumpaar, wie aus einer Hollywood-Romanze. Und ihr wirkt immer so glücklich miteinander; ihr strahlt beide regelrecht, wenn ihr zusammen seid. Nur ganz begreife ich es nicht, denn früher war dein Mann ein ziemlicher Sonderling. Schon in der Schule war er immer der totale Einzelgänger. Zwar hätte er die besten Voraussetzungen gehabt, um der Klassenliebling zu sein; er sah damals schon zum Anbeißen aus, und er war reich. Aber ich weiß auch nicht; er hatte immer so eine düstere Ausstrahlung. Irgendwie bedrohlich. Dabei war er stets höflich und sogar ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Trotzdem hat er mir immer etwas Angst gemacht. Aber als ich ihn dann mit dir wieder einmal getroffen habe, war er ein völlig anderer Mensch.« Irina sah mich forschend an und bemerkte hoffentlich nicht, dass mir bei ihren Worten kurz der Atem stockte.

»Ja genau«, meinte Ella, die meinen Mann auch noch aus der Schule kannte, »er hatte so einen stechenden Blick. Von dem habe ich immer Gänsehaut bekommen. Ich habe auch gedacht, dass sich das geändert hat, aber letztens habe ich ihn mal alleine getroffen, was so gut wie nie vorkommt, wie ihr wisst« dabei sah sie mich kurz an, »und da habe ich wieder dasselbe Gefühl gehabt wie früher immer. Er war mir direkt unheimlich. Ich glaube ja, dass du eine ganz eigene Wirkung auf ihn hast. Wie bei einem wilden Tier, das nur bei einem Menschen zahm ist.« Dabei lachte sie ein wenig verlegen.

»Also, wie hast du ihn gezähmt?«, wollte Madita wissen.

»Na gut, ich sage es euch, aber erzählt es nicht weiter.« Ich beugte mich vor und tat, als ob ich ihnen wirklich ein Geheimnis anvertrauen würde. »Ich schlage ihn, wenn er nicht spurt. Das solltet ihr auch mal probieren. Das Ganze mit der Gleichberechtigung ist doch völliger Quatsch. Wir müssen die Männer beherrschen und ihnen sagen, wie sie sich zu benehmen haben. Dann klappt alles gleich viel besser.«

»Ach komm schon! Schön langsam wird es lächerlich«, grummelte Madita und schien tatsächlich etwas sauer zu sein. Auch Ella und Irina sahen mich fast ein wenig enttäuscht an, dafür war Caros Blick auffordernd.

»Ich weiß gar nicht, was ihr habt. Die Geschichte ist gar nicht so besonders. Wir haben uns im Kino kennengelernt, sind uns später noch einmal zufällig über den Weg gelaufen und haben uns dann verabredet. Das war es auch schon.« Caros belustigtes Schnauben ignorierte ich.

»Aber bist du wirklich noch so jung gewesen? Und wieso warst du dir so früh schon sicher, dass er der Richtige ist? Und hast du es jemals bereut, dass du so jung schon geheiratet hast?«

Erstaunt sah ich Madita an. Woher kam das denn jetzt? Irina betrachtete mich nun mitfühlend.

»Wir hatten in letzter Zeit oft den Eindruck, dass dich etwas belastet. Wir vermuten, dass es etwas mit deinem Mann zu tun hat. Wir können uns nur nicht vorstellen was, weil ihr zusammen wirklich immer so glücklich ausseht.«

»Wir machen uns Sorgen um dich. In deinem Leben scheint alles perfekt zu sein, aber irgendetwas stimmt nicht. Was immer es ist, du kannst es uns erzählen.«

Dass das nun ausgerechnet von Caro kam, die mich schon seit unserer Schulzeit kannte, sollte mich wohl nicht überraschen. Tat es aber doch, denn anscheinend machte sie sich wirklich Sorgen um mich. Damit hatten sie mich etwas weich geklopft. Ja, irgendetwas stimmte nicht mit mir; mit uns. Aber ich wusste auch nicht, was es war. Und genau diese Ungewissheit machte mich fertig. Seufzend hob ich den Kopf und sah jeder Einzelnen beschwörend in die Augen.

»Versprecht mir, dass ihr das niemandem weitererzählt!«

 

 

KAPITEL 2

»Das jetzige Paar scheint an Kraft zu verlieren. Wir sollten uns auf ein neues Paar einstellen.«

»Wissen wir schon, wer es sein könnte?«

»Nun, wie immer, gibt es mehrere Möglichkeiten. Aber Fabrizio scheint einen konkreten Verdacht zu haben. Auch wenn unsere Informanten den bis jetzt noch nicht bestätigt haben.«

»Wie wirkt sich so ein Wechsel auf uns aus? Ist es nicht von Vorteil für uns, wenn erst einmal die Bindung eines Paares schwächer wird.«

»Prinzipiell natürlich schon. Aber dieser Zustand ist ja immer nur von kurzer Dauer und während der Übergangsphase, befindet sich dann alles im Wandel.«

»Unruhe ist doch auch gut für uns? Oder verstehe ich da etwas falsch.«

»Natürlich könnten wir diese Zeit der Unruhe aktiv nutzen, aber wir haben festgestellt, dass wir oft nur sinnlos unsere Ressourcen verschwenden. Denn viel besser ist es, sich sobald wie möglich auf das neue Paar einzustellen.«

»Damit wir dann die Weichen wieder neu stellen können?«

»Genau. Was bringt es, wenn wir die Zeit während des Wechsels kurzzeitig für uns nutzen können, wenn wir uns mit einem neuen Paar ohnehin wieder neu orientieren müssen. Darum ist es jetzt auch wichtig, dass alle unsere Informanten besonders aufmerksam sind und wir so schnell wie möglich herausfinden, wer das neue Paar sein wird.«


 

Typisch, jetzt habe ich das Popcorn fallen gelassen. Man sollte mich gar nicht frei rumlaufen lassen, so ungeschickt, wie ich immer war. Hoffentlich wuchs sich das wirklich noch aus, wie Nana immer sagte. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich noch sehr viel mehr wachsen wollte. Ich war jetzt schon ziemlich groß für mein Alter.

»Oh entschuldige, das war meine Schuld. Warte ich helfe dir!«

Als ich am Boden hockend zu der Quelle dieser tiefen Stimme aufblickte, registrierte ich nur diese ungewöhnlichen grauen Augen, die mich sofort fesselten. Sonst wäre mir sicher ein blöder Spruch eingefallen. Um von meiner Peinlichkeit abzulenken, griff ich sonst gerne zu Sarkasmus.

Aber dazu kam es diesmal nicht, da mich diese unglaublich durchdringenden Augen vom Denken ablenkten. Den Rest des Gesichts nahm ich gar nicht richtig wahr. Nur die Augen und diese tiefe, raue Stimme. Unvermittelt kam mir der Gedanke, dass er mir bekannt vorkam, während mir gleichzeitig bewusst war, dass ich mir das einbildete.

Was er sich dachte, war mir nicht ganz klar, denn er starrte mir ebenso bewegungslos in meine Augen. Starrte er etwa so, weil ich ihn anstarrte? Ich sollte wirklich versuchen, wegzusehen. Das war ja schon peinlich und immer noch fiel mir nichts ein, was ich sagen könnte. Als ich es dann doch schaffte, endlich wegzusehen, erwachte auch er aus seiner Erstarrung und nahm mich sanft am Ellbogen, um mir hoch zu helfen.

Aber kaum hatte er mich berührt, ließ er mich so plötzlich wieder los, dass ich fast hingefallen wäre. Seltsam erschrocken sah er mich an. Hatte er etwa auch gerade einen kleinen elektrischen Schlag gespürt? Das wurde immer peinlicher. Natürlich wurde ich jetzt auch noch rot.

»Darf ich dir frisches Popcorn kaufen?«, fragte er mich, und klang dabei etwas unsicher.

Ich machte den Fehler, ihm wieder in die Augen zu sehen und hatte das Gefühl, als ob mein Kopf auf einmal völlig leer wäre. Moment, er wartete ja auf eine Antwort. Ich sollte wohl besser etwas sagen, bevor er mich noch für völlig minderbemittelt hielt. Er sah sowieso schon ziemlich verwirrt aus.

Ich durfte ihn einfach nicht ansehen, dann gelang es mir vielleicht sogar, ein paar Wörter zu einem sinnvollen Satz aneinanderzureihen. »Danke aber das ist nicht notwendig«, nuschelte ich daher zu Boden und ärgerte mich über mich selber. Danke, aber das ist nicht notwendig? Was war das denn? Normalerweise würde ich ihn ziemlich ruppig darauf hinweisen, dass es ja wohl das Mindeste war, was er tun konnte, nachdem er mich einfach über den Haufen gerannt hatte.

»Natürlich ist das notwendig. Komm mit, wir stellen uns noch schnell an!«

Was sollte ich also tun? Ich musste wohl mitgehen. Er hielt mich sicherlich schon für komplett verrückt, also konnte ich nicht noch mehr Schaden anrichten. Außerdem, was juckte es mich, was dieser Fremde von mir dachte. Ich würde ihn nie wieder sehen. Seltsamerweise fand ich diesen Gedanken ziemlich verstörend.

In der Schlange dann so nah neben ihm zu stehen, machte mich extrem nervös, und wieder schien mir nichts Sinnvolles einzufallen. Dabei war ich normalerweise nicht so. Ich war sonst die Coole, Unnahbare, die immer möglichst lässig mit Jungs umging. Ich war keine von den albernen Mädchen, die ständig kicherten oder anfingen zu stottern, wenn sie von einem Jungen angesprochen wurden, sondern versuchte immer, so zu wirken, als ob ich alles unter Kontrolle hatte. Allerdings versagte ich dabei heute auf ganzer Linie.

»Hier bitte, lass es dir schmecken. Ich muss jetzt leider in den Film gehen.« Erstaunlicherweise hörte es sich an, als ob es ihm tatsächlich leidtun würde. Dabei sah er mich immer noch an und schien auf etwas zu warten. Ich wollte zwar nicht, dass er ging, aber ich verstand trotzdem nicht, worauf er wartete. Sollte ich noch etwas sagen?

»Danke«, kam es heiser aus meinem Mund, denn mehr fiel mir nicht ein. Herr im Himmel, das war ja nicht zum Aushalten! Hatte ich meine Schlagfertigkeit womöglich für immer verloren? Und wo sollte ich danach suchen?

Offensichtlich würde ich sie nicht in den Augen dieses Fremden finden. Trotzdem musste ich ihn unbedingt noch einmal ansehen, bevor er ging. Ich hätte es lieber bleiben lassen sollen, denn es war, als ob sein Blick meinen festhielt.

Da standen wir beide, wie zwei Statuen, und starrten uns gegenseitig an. Er wirkte verwundert und irgendwie auch verärgert. Warum, was hatte ich getan? Oder fiel ihm doch auf, wie peinlich ich mich benahm?

Doch dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und weg war er. Ich konnte nur mehr hinter ihm her starren, immer noch unfähig mich zu bewegen oder etwas zu sagen.

»Was war das denn?«, holte mich Caros Stimme wieder zurück in die Realität.

Genau, was war das denn? Das war eine wirklich gute Frage.

»Komm jetzt, gehen wir endlich rein!«

»Ich wünschte, dir wäre das erspart geblieben«, sagte Nana zu mir und lächelte mich dabei traurig an.

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, aber ich bekam ein ungutes Gefühl bei ihren Worten. Doch dann spürte ich, dass jemand meine Hand leicht drückte. Sofort ging es mir besser und ich drehte mich um. Es war der Fremde aus dem Kino, der meine Hand ganz selbstverständlich in seiner hielt. Er lächelte mich an und ich konnte nicht anders, als sein strahlendes Lächeln zu erwidern. Anscheinend waren wir zusammen und es fühlte sich ganz natürlich an.

Aber warum sahen uns diese vielen fremden Menschen so besorgt und etwas mitleidig an? Obwohl, so ganz fremd waren die Menschen nicht. Manche kamen mir seltsam vertraut vor, auch wenn ich mir sicher war, dass ich sie nicht kannte. Da war ein junges Mädchen, das mich verwundert und neugierig musterte und mich an jemanden erinnerte.

Ein unglaublich gut aussehendes Paar hielt sich an den Händen, und betrachte den Fremden und mich mit einer Mischung aus Zuversicht und Bedauern. Sie sahen sich fast so ähnlich wie Geschwister, aber es war offensichtlich, dass sie ein Paar waren. Beide wirkten auf den ersten Blick noch ziemlich jung, aber der Ausdruck ihrer Augen ließ sie um Jahrzehnte älter aussehen. Außerdem kam mir die Frau seltsam vertraut vor.

Da war auch eine ältere Frau, die mich ziemlich nüchtern taxierte. Sie schien mich irgendwie zu beurteilen und es war nicht klar, ob ihr Urteil positiv oder negativ ausfiel. An ihrer Seite stand ein Mann, den ich tatsächlich kannte. Es war Paolo, ein Bekannter von Nana, der oft zu Besuch kam und daher ein wesentlicher Bestandteil meiner Kindheit war.

Verwundert stellte ich fest, dass er meinem Fremden sehr ähnlich sah und ihn zu kennen schien. Er sagte irgendwas zu ihm, aber ich konnte ihn nicht verstehen. Ich erkannte aber, dass auch er besorgt war. Aber mein Fremder schien ganz und gar nicht einverstanden zu sein, mit dem was Paolo sagte, denn er zog mich noch näher an sich und drückte meine Hand wieder ganz fest, als wollte er mich festhalten.

Ganz offensichtlich war ich ziemlich verrückt nach ihm und ich hatte auch das Gefühl, irgendwie zu ihm zu gehören, aber trotzdem wurde mir etwas unbehaglich, als er mich so verbissen festhielt. Doch dann sah er mich an und sein Blick war so intensiv, dass ich alles um mich herum vergaß und nicht mehr wusste, was ich eigentlich wollte.

Da riss ich die Augen auf und schlug die Decke ein wenig zurück, die mich zu erdrücken schien.  Der Nachhall des Traums ließ mich schaudern und ich fühlte mich verwirrt. Da war diese Leere und Einsamkeit, die mich so heftig, wie nie zuvor überkam. Und das seltsame Gefühl, dass etwas auf mich zukommen würde, dem ich nicht entkommen konnte und das etwas mit dem Fremden aus dem Kino zu tun hatte.

Was für ein verrückter Traum. Ich stand auf, um etwas Wasser zu trinken und versuchte, mich wieder zu beruhigen. Doch ich konnte die dumpfe Ahnung, die in meinem Bauch rumorte, nicht so einfach abschütteln.

Von da an wiederholte sich dieser Traum jede Nacht. Es war nicht immer alles gleich, aber es waren nur kleine Details, die sich änderten. Was aber blieb, waren die unguten Gefühle, die mir diese Träume bescherten. Und die Sehnsucht nach dem Fremden.

Ich bekam ihn einfach nicht mehr aus meinem Kopf, egal was ich tat. Aber ich erzählte niemandem davon. Nicht einmal Caro. Ich war doch sonst keine von denen, die von unerreichbaren Typen träumte, zumindest gab ich so etwas nicht zu. Und unerreichbar war er definitiv. Ich wusste absolut gar nichts von ihm.

 

 

KAPITEL 3

»Er hat sehr plötzlich mit seiner Freundin Schluss gemacht. Kann es sein, dass die beiden sich schon begegnet sind?«

»Ich weiß es nicht, aber irgendwas passiert gerade. Ich kann es spüren.«

»Hat sie dir etwas erzählt?«

»Nein, wir sehen uns leider nicht mehr so oft wie früher. Es ist fast unmöglich, ihre Unabhängigkeit zu fördern und gleichzeitig zu erwarten, dass sie mir alles erzählt und mit ihren Sorgen zu mir kommt.«

»Unseren Romeo beschäftigt auf alle Fälle irgendwas. Er ist noch verschlossener als sonst.«

»Was ist mit dem Dunklen in ihm? Ist es stärker geworden?«

»Im letzten Jahr habe ich mir ernsthaft Sorgen gemacht, dass wir ihn an das Dunkle verlieren könnten. Diese Marion hat einige negative Charaktereigenschaften, die sie aber gut zu verstecken weiß und indirekt hat sie dem Dunklen natürlich Nahrung gegeben. Aber nachdem er nun mit ihr Schluss gemacht hat, habe ich wieder Hoffnung geschöpft, dass er es doch schaffen wird.«

»Ich hoffe, nicht zu sehr auf Rorys Kosten, wenn es denn nun wirklich ihretwegen passiert ist. Und das wissen wir noch gar nicht, also warten wir erst einmal ab.«


 

Einige Wochen waren seit dem Kinobesuch vergangen, aber ich träumte immer noch jede Nacht von ihm. Nun war ich wohl tatsächlich verrückt geworden. Wundern würde es wohl niemanden, denn ich war immer schon etwas anders gewesen als andere Kinder.

Ich war viel allein, las für mein Leben gerne; nein eigentlich verschlang ich Bücher geradezu, hörte andere Musik, als die, die uns der einzige für unter-fünfzigjährige infrage kommende Radiosender vorspielte, und sah mir sogar Filme an, die älter als drei Jahre waren und in denen keine Waffen vorkamen.

Zu allem Überfluss sah ich auch noch anders aus. Also nicht abartig oder so. Ich war zwar etwas groß, okay, etwas sehr groß für mein Alter, aber sonst sah ich eigentlich normal aus. Allerdings zog ich mich anders an. Ich trug fast ausschließlich Kleider und Röcke und die waren auch noch hauptsächlich schwarz oder zumindest sehr dunkel.

Also eigentlich hätte ich das Zeug zu einer richtigen Einzelgängerin gehabt, die von anderen Kindern entweder gemieden oder geärgert wurde. Dass dem nicht so war, hatte ich den Müttern in meiner Nachbarschaft zu verdanken.

Das waren Mütter von der Sorte, die sich um alles und jeden kümmerten und dann glaubten, sie hätten das Recht, zu allem und jedem ihren Senf zu geben. Und genau diese Mütter hatten ihren Kindern von klein auf eingebläut, immer nett und brav mit mir zu spielen, weil ich ja so bemitleidenswert war. Zumindest in ihren Augen.

Meine eigene Mutter hatte sich aus dem Staub gemacht, als ich noch ziemlich klein war. So klein, dass ich mich gar nicht richtig an sie erinnern konnte. Sie fehlte mir auch nicht. Wie sollte einem etwas fehlen, an das man keine Erinnerung hatte? Das behauptete ich zumindest immer.

Dafür hatte ich Nana, meine Oma. Sie lebte in einer eigenen kleinen Wohnung im Dachgeschoss unseres Hauses. Solange ich klein war, hatte sie liebevoll für mich gesorgt, und als ich älter wurde, hatte sie mir Kochen und so manches andere beigebracht und sich nach und nach wieder etwas zurückgezogen. Was für mich völlig in Ordnung war. Immerhin war ich kein kleines Kind mehr und sie hatte auch ein eigenes Leben.

Beim Klub der unfehlbaren Mütter und Hausfrauen sorgte das aber für die nächste Welle der Anteilnahme. Sie alle hatten ganz bestimmte Vorstellung davon, was sich gehörte. Und zwar sollte Nana sich den Rest ihres Lebens aufopferungsvoll um ihren Schwiegersohn und ihre Enkeltochter kümmern und sich später verbittert darüber beklagen, dass ihr dafür niemand dankte.

Nur sah Nana das etwas anders. Die war nämlich auch generell ein wenig anders. Das merkte man unter anderem daran, dass sie sich von mir schon immer »Nana« nennen ließ. Außerdem zog sie sich auch anders an als eine normale Oma und, was viel schlimmer war, sie hatte auch noch andere Interessen, als Haushalt und Küche und stand sogar offen dazu.

So fuhr sie regelmäßig mit Freunden ins Theater, in die Oper und sogar auf Urlaub. Ich empfand es als Riesenglück, dass ich sie hatte, aber der Klub der unfehlbaren Mütter sah das ganz anders. In ihren Augen war ich doppelt bemitleidenswert. Weswegen mir meine seltsamen Angewohnheiten verziehen wurden und sie ihre Kinder immer wieder aufforderten, mich nicht auszuschließen.

Man sollte meinen, dass diese Kinder mich dafür hassten und mich erst recht ausgrenzten. Aber trotzdem mochten mich die Meisten ganz gerne. Was vielleicht auch damit zusammenhing, dass immer ich diejenige war, die ihnen aus der Patsche half, wenn sie wieder mal Blödsinn gemacht hatten. Entweder erfand ich für sie eine halbwegs glaubhafte Erklärung für den, von ihnen angerichteten Schaden, oder ich spielte hemmungslos meinen Mitleidsbonus aus und war immer als moralische Unterstützung dabei, wenn sie ihren Eltern Rede und Antwort stehen mussten. Mit mir konnten sie einfach nicht so viel schimpfen, weil ich ja keine Mutter hatte und meine Oma seltsam war. Es war für den Mütter-Klub also nicht verwunderlich, dass ich ab und zu etwas über die Stränge schlug und ihre ach so unschuldigen Kinder dazu verleitete, bei meinen Dummheiten mitzumachen.

Kurz gesagt, ich war immer schon ein wenig anders gewesen und musste diesen Müttern wahrscheinlich tatsächlich dafür dankbar sein, dass ich keine komplette Stubenhockerin und Außenseiterin war, sondern trotz meiner Vorliebe für Bücher auch noch vom Lagerbauen, Bandenkriegen und Jungs im Allgemeinen Ahnung hatte

Allerdings ging meine Dankbarkeit nicht so weit, den Müttern zu verzeihen, dass sie glaubten, sie hätten das Recht, bei allem, was eigentlich nur mich betraf, mitzureden.

Besonders eine, die Mutter von Max, dem sprichwörtlichen Jungen von nebenan, tat sich dabei ganz besonders hervor. Sie schien es sich zu ihrer Lebensaufgabe zu machen, sich in alles, was mein Leben betraf, ungefragt einzumischen und auch noch ihre heuchlerischen Kommentare dazu abzugeben.

Nur zu gerne hätte ich sie öfter mal daran erinnert, dass Jesus damals auch eine Art Rebell war, sonst hätte er wohl kaum eine neue Religion gründen können. Oder, dass Toleranz und Respekt eigentlich ein Teil jenes Glaubens waren, den sie immer als eine Art Schutzschild, und oft sogar Waffe, benutzte. Aber ich hatte schnell gelernt, dass man mit Leuten wie ihr nicht ernsthaft reden konnte. Sie hatten ihre Sicht der Dinge und wollten sie gar nicht anders sehen.

Wie auch immer; mir wurde also immer schon prophezeit, dass ich seltsam oder sogar verrückt werden würde. Aber ich hatte eher an »verrückt« im Sinn von »anders« gedacht. Dass ich aber tatsächlich so richtig verrückt werden würde, überraschte mich nun doch.

Denn ständig an einen Mann zu denken, den ich nicht kannte, war schließlich verrückt. Diesen Mann zu vermissen und von ihm zu träumen, war noch viel verrückter. Und nun auch schon zu glauben, dass ich seine Stimme hörte, und das am helllichten Tag, das war geradezu besorgniserregend.

Aber genau das passierte, an einem warmen Spätherbsttag, als ich mein Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne hielt, während ich, auf einer Parkbank sitzend, auf Caro wartete. Erst glaubte, ich zu träumen, als ich seine Stimme hörte, die ich sofort wieder erkannte.

»Darf ich mich kurz zu dir setzen?«, fragte diese Stimme sanft.

Ich ärgerte mich darüber, dass ich mich jetzt anscheinend gar nicht mehr unter Kontrolle hatte, und schon mitten am Tag wild vor mich hin fantasierte.

»Ähm, hallo!«

Die Stimme klang jetzt ein wenig unsicher. Erschrocken blinzelte ich kurz und sah tatsächlich IHN. Oh Gott, er war es wirklich. Sofort schoss mir die Röte ins Gesicht und ich richtete mich verlegen auf.

»Die Sonne ist wohl doch noch ziemlich stark«, meinte er ironisch grinsend, mit Blick auf mein rotes Gesicht.

Machte er sich etwa lustig über mich? Doch er lächelte entschuldigend. Das und die Tatsache, dass er unheimlich gut aussah, sorgten dafür, dass ich ihm sofort verzieh. Und wie gut er aussah! Das war mir bei unserer ersten Begegnung gar nicht so aufgefallen. Denn da hatte ich mich ja nicht von seinen Augen losreißen können.

Er sah nicht auf jene auffällige oder aufdringliche Weise gut aus, die sich bei näherer Betrachtung abnützte, weil man sah, dass die Haut ein wenig zu Solarium-gebräunt, die Brauen ein zu akkurat gezupft, der Bart zu exakt getrimmt und die Haare zu unnatürlich gesträhnt waren. Nein, sein Aussehen wirkte nachhaltig und ließ einen in Ehrfurcht erstarren, wenn man erst einmal erfasst hatte, wie gut er aussah.

Seine Haut war sehr blass, fast so wie meine und seine kurzen Haare waren um einige Nuancen dunkler als meine. Seine großen hellgrauen Augen bildeten einen starken Kontrast zu seinen, ebenfalls schwarzen und extrem langen, Wimpern und den dichten schwarzen Augenbrauen. Er hatte hohe, ausgeprägte Wangenknochen, eine scharf geschnittene Nase und ein markantes Kinn. Irgendwie hatte er was Gefährliches, Unnahbares an sich. Und nicht zuletzt war er genau mein Typ.

Trotzdem sollte ich mich ein wenig zusammenreißen. Er war sich seines guten Aussehens wahrscheinlich ohnehin mehr als bewusst, da musste ich ihn nicht auch noch so offensichtlich anschmachten. Außerdem tat es fast schon weh, ihn länger anzusehen. Alles an ihm wirkte so, ich wusste nicht, wie ich das am besten ausdrücken konnte, so intensiv. Und doch musste ich mich zwingen, endlich den Blick von ihm abzuwenden. Als ich es endlich geschafft hatte, bekam ich plötzlich am ganzen Körper eine Gänsehaut und wickelte mich fester in meine Weste. Unwillkürlich schob sich in meinen Kopf eine Erinnerung an die Träume und die seltsamen Gefühle, die sie in mir auslösten.

»Darf ich?«, fragte er, auf den Platz neben mir deutend.

Gut, er schien nicht bemerkt zu haben, wie eigenartig ich mich benahm. Obwohl, ich hatte mich ja beim letzten Mal auch schon seltsam benommen; womöglich dachte er, dass das mein normales Verhalten war.

»Sicher, setz dich. Ich warte auf eine Freundin, aber ich bin viel zu früh dran«, brachte ich mit höchster Konzentration hervor und versuchte, alle Gedanken an die Träume zu verdrängen.

»Wie heißt du?«, fragt er mich dann.

»Rory.« Ich wusste genau, was er gleich fragen würde und eigentlich wäre ich ihm zuvor gekommen, aber meine sonstige Schnelligkeit im Umgang mit Worten war verschwunden. Ich musste mich schon konzentrieren, um überhaupt auf seine Fragen antworten zu können.

»Rory? Ist das dein richtiger Name?«

»Eigentlich heiße ich Aurora. Aber ich bevorzuge Rory.«

»Aurora? Die Morgenröte!«

Erstaunt sah ich ihn an. »Wirklich? Das wusste ich nicht. Der Name stammt aus einem Lieblingsbuch meiner Mutter. »Auroras Anlass« von Erich Hackl.«

»Und magst du das Buch auch?«, fragte er mich offensichtlich überrascht.

»Oja, es gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Und es ist eindeutig das Buch mit dem besten ersten Satz.«

»Der lautet …?«

»Eines Tages sah sich Aurora Rodriguez veranlasst, ihre Tochter zu töten«, zitierte ich.

»Wow, das ist tatsächlich ein starker erster Satz. Was gehört noch zu deinen Lieblingsbüchern?«

»Puh, viel zu viele. Im Moment lese ich »Die Päpstin«, aber das regt mich zu sehr auf. Ich könnte wahnsinnig werden vor Wut, wegen der Vorstellungen, die damals über Frauen herrschten.«

Gott sei Dank, bezüglich meiner kommunikativen Fähigkeiten war doch noch nicht alles verloren, aber ich war erstaunt darüber, wie gut ich mich nun mit ihm unterhalten konnte. Vor allem wenn man bedachte, wie nervös er mich machte. Außerdem war ihm gegenüber relativ offen, während ich bei den meisten Leuten sonst immer Sarkasmus wie ein Schild vor mir hertrug. Allerdings fühlte es sich auch so an, als ob ich ihn schon ewig kennen würde. Dabei wusste ich noch nicht einmal, wie er hieß. Aber das konnte ich ändern.

»Und hast du auch einen Namen?«

»Oh entschuldige. Das war etwas unhöflich von mir, aber unser Gespräch hat mich abgelenkt. Mein Name ist Danny. Eigentlich Dante, aber alle nennen mich Danny.«

Nun zog ich spöttisch die Augenbraue hoch und musterte ihn noch einmal. »Dann war deine Mutter wohl ein Fan der »Göttlichen Komödie«?«

Wieder sah er mich überrascht an. Na gut, nach unserer letzten Begegnung war es wahrscheinlich kein Wunder, dass er mich für etwas zurückgeblieben hielt, so wie ich mich da benommen hatte.

»Das glaube ich nicht. Es liegt eher daran, dass mein Vater Italiener ist. Aber sag bloß, dass du das auch gelesen hast? Womöglich ist das auch ein Lieblingsbuch?« Dabei ging seine Augenbraue wieder fragend nach oben.

»Oh nein! Ich habe mal begonnen, es zu lesen, aber das war mir dann zu anstrengend. Ich habe nach wenigen Kapiteln aufgegeben.«

»Du liest also viel?«

Er schien ehrlich interessiert. Warum auch immer. Und ich war aus naheliegenden Gründen erpicht darauf, das Gespräch am Laufen zu halten.

»Viel zu viel«, antworte ich ihm. »In eine andere Geschichte einzutauchen ist immer wie eine kleine Flucht aus der Realität. Manchmal würde ich gerne noch länger in dieser anderen Welt bleiben und es fühlt sich jedes Mal fast wie ein Abschied an, wenn die Geschichte dann zu Ende ist.«

Hatte ich das gerade wirklich zu einem praktisch Fremden gesagt? Ich war sonst nicht so offen, aber nun ertappte ich mich dabei, dass ich sogar noch weitersprechen wollte, aber dann schwieg ich doch lieber.

Genau wie Danny. Ich spürte seine Blicke auf mir, vermied es aber, ihn anzusehen. Ich genoss jede Sekunde mit ihm, aber gleichzeitig hatte ich Angst. Ich fürchtete mich vor dem Moment, wenn er aufstehen und gehen würde. Und das würde passieren, ganz sicher.

So unerfahren ich auch war, spürte ich trotzdem, dass er mich mochte. Aber mir war auch klar, dass er mich für älter halten musste, als ich war. Jeder schätzte mich älter ein. Ich wusste nicht, ob es an meiner Größe oder meiner Art lag, aber es war nun einmal so.

»Rory?«

Noch einmal sah ich ihn an. Ich wollte mir alles genau einprägen. Allerdings fiel es mir schwer, mich zusammenzureißen, da mich plötzlich eine noch nie erlebte Panik erfasste. Mein Herz fühlte sich an, als würde es von einer Riesenfaust zusammengepresst werden und gleichzeitig schlug es Saltos in meiner Brust.

Danny war gerade im Begriff, etwas zu sagen, stoppte dann aber und sah mich fragend an. Konnte er es mir ansehen? Das wurde ja immer schlimmer mit mir!

»Könnten wir uns wieder einmal treffen?«, fragte er dann und mein wild schlagendes Herz beruhigte sich wieder etwas, aber ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Jede Faser meines Körpers schrie ja, aber mir war auch klar, dass ich erst noch etwas klären musste. Und dass ich ihn dann vermutlich nicht mehr wieder sehen würde.

»Warum?«, stieß ich hervor.

»Warum was?«

»Warum willst du mich wieder sehen?«, beharrte ich.

»Wenn ich das nur wüsste!« Verzweifelt sah er in den Himmel. »Ich weiß es wirklich nicht. Aber ich muss einfach. Bitte! Sag mir nur wann und wo. Ich möchte mich so gerne mit dir unterhalten. Vielleicht finde ich dann endlich heraus, warum ich … Ach, ich weiß es einfach nicht!«

»Wie alt bist du?«, fragte ich jetzt endlich.

»Vierundzwanzig«, antwortete er stirnrunzelnd.

»So etwas dachte ich mir schon«, murmelte ich enttäuscht. »Was glaubst du, wie alt ich bin?«, fragte ich ihn dann herausfordernd.

Abschätzend sah er mich an und kurz sah ich Verunsicherung in seinen Augen flackern. »Nun das ist natürlich immer schwer zu sagen, aber ich würde dich auf neunzehn schätzen. Oder achtzehn?«, fragte er mich.

Achtzehn also. Ich seufzte. Wenn es nur so wäre!

»Und, wie alt bist du nun?«, wollte er jetzt natürlich wissen.

Ich wagte kaum, ihn anzusehen, aber dann straffte ich meinen Rücken und hob meinen Kopf. »Ich bin vierzehn.«

Der Schock war ihm sofort anzusehen. Sein Gesicht wurde ausdruckslos und sah nun seltsam beängstigend aus. Aber vielleicht auch nur für mich, weil ich Angst hatte, vor dem, was unweigerlich kommen würde.

»Wow, das habe ich nicht erwartet«, brachte er mühsam hervor.

Mir war klar, dass er mich nun sicher nicht wiedersehen wollte. Und ich hatte recht. Er stand einfach auf und ging.

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