Leseprobe

Cover_Dannory 2_1400pxKapitel 1

Gespannt saßen meine Freundinnen da und sahen mich schweigend an. Ich war gerade dabei zu erzählen, wie ich meinen Mann vor nun schon fast fünfzehn Jahren kennengelernt hatte. Es ist mir zu der Zeit nicht leicht gefallen, mich mit meinen erst vierzehn Jahren auf den damals vierundzwanzigjährigen Danny einzulassen. Er musste ziemlich hartnäckig sein, um mein Vertrauen zu gewinnen. Umso schlimmer war es dann, als er mich völlig ohne Vorwarnung verlassen hatte. Auch wenn das nun schon eine Ewigkeit zurücklag, dachte ich noch immer nicht gerne daran zurück.

»Nein, du kannst doch nicht an der spannendsten Stelle aufhören! Los weiter!«, forderte mich Madita ungeduldig auf, und auch die anderen nickten erwartungsvoll. Aber ich konnte unmöglich weitersprechen. Ich hatte mich bemüht, diese schreckliche Zeit, so gut es ging, aus meinem Gedächtnis zu streichen und wollte daher auch gar nicht mehr darüber reden.

»Caro, vielleicht erzählst du kurz weiter. Ich muss mal … schnell … dringend, ähm, ich muss mal telefonieren.« Beschwörend sah ich Caro in die Augen, in der Hoffnung, dass sie mich verstand. Sie zögerte kurz, doch dann nickte sie.

»Na klar, kein Problem. Geh ruhig!«

Die anderen sahen uns zwar ein wenig erstaunt an, aber ich stand einfach auf, ging in die Küche und schloss die Tür hinter mir. Ich wollte wirklich telefonieren. Ich musste unbedingt Dannys Stimme hören. Selbst nach dieser langen Zeit konnte ich immer noch nicht an unsere Trennung denken, ohne dass sich mein Herz schmerzhaft verkrampfte.

Schon nach dem zweiten Läuten hob Danny ab. Natürlich. Die Sorge um mich, und die damit verbundene Angewohnheit immer sofort ans Telefon zu gehen, wenn er meinen Namen auf dem Display sah, war etwas, das ihm noch von der Zeit kurz nach der Trennung geblieben war.

»Hallo mein Sonnenschein! Sag bloß, sie sind schon alle gegangen. Dabei habe ich geglaubt, dass ihr heute Caros Verlobung feiert.« Ich atmete tief durch, als ich seine Stimme hörte. So tief, dass Danny es unmöglich überhören konnte und nun besorgt fragte: »Alles in Ordnung? Was ist los?«

Ich musste ein wenig grinsen, weil er sich wirklich schon wieder Sorgen machte. Dabei war es seit Langem nicht mehr zwingend notwendig, dass wir ständig zusammen waren. Wir bekamen nicht mehr, wie kurz nach der Trennung, massive körperliche Beschwerden, wenn wir länger als einen Tag und eine Nacht getrennt waren.

Warum hatten wir eigentlich all diese Dinge nie ernsthaft infrage gestellt? Die körperlichen Beschwerden, die Träume, die wir beide immer wieder hatten und vor allem die Tatsache, dass unsere Körper sich nicht mehr veränderten. Und das seit Jahren schon. Warum sprachen wir nie über all das?

Doch dann seufzte ich. Jetzt war sicher nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Ich hätte ihn nicht anrufen sollen. Er würde sich nur wieder aufregen. Erst recht, weil er gerade nicht bei mir sein konnte.

»Ach, nichts Besonderes. Ich wollte nur deine Stimme hören«, sagte ich betont locker.

»Aber die anderen sind noch da? Und da willst du nur kurz mal mit mir plaudern?« Er schnaubte belustigt. »Komm sag schon, was ist los?«

Natürlich kam ich nicht so einfach davon. Danny kannte mich immerhin schon länger als mein halbes Leben.

»Wir haben über dich gesprochen und da wollte ich eben kurz mit dir reden. Bist du schon im Hotel?«

Ich hörte Danny leise lachen. »Nach all der Zeit versuchst du es immer noch. Dabei müsstest du wissen, dass mich deine Ablenkungsversuche erst recht misstrauisch machen. Also, warum habt ihr über mich gesprochen?«

»Die anderen haben mir gesagt, dass du fremdgehst.«

»Tatsächlich? Mist, dann haben sie mich mit der Blondine gesehen. Oder mit der Rothaarigen? Ich komme schon ganz durcheinander bei all den Affären.« Ich war in Gedanken gerade ganz woanders und ging auf seinen Scherz nicht ein.

»Aurora, soll ich nach Hause kommen? Ich kann heute noch zurückfliegen«, fragte er prompt mit besorgter Stimme.

»Nein, es geht schon wieder. Sie haben es geschafft, mich dazu zu bringen, ihnen von uns zu erzählen. Wie wir uns kennengelernt haben und was dann alles passiert ist. Und gerade bin ich zu dem Teil gekommen, als …« Ich brach ab, aber Danny verstand mich auch so.

»Oh, schon klar. Soll ich nicht doch versuchen, heute noch nach Hause zu kommen?«

»Nein, das musst du nicht. Du hast doch morgen noch ein Meeting und danach wolltest du ja ohnehin gleich fliegen.«

»Bist du sicher? Du weißt, dass du mir wichtiger bist, als das Meeting«, fragte er eindringlich.

»Nein, es ist schon in Ordnung. Die anderen bleiben sicher noch eine Weile und dann werde ich sofort ins Bett gehen. Ich melde mich später noch einmal«, erwiderte ich mit möglichst viel Überzeugung.

»Dann bis später.«

Ich starrte auf das Telefon in meiner Hand und hörte Caros Stimme aus dem Wohnzimmer. Ich konnte die einzelnen Wörter nicht verstehen, aber das war mir auch lieber so.


Kapitel 2

Caro:

Irina, Madita und Ella musterten mich erwartungsvoll. Klar, jetzt wurde es ja erst so richtig spannend. Ich seufzte leise und begann von meinen Erinnerungen zu erzählen.

Irgendwann gegen Ende der Ferien rief eines Abends Joe, Rorys Vater, bei uns an. Was mich sofort alarmierte. Zu Recht, wie sich schnell herausstellte.

»Hallo Caro! Ich bin gerade bei Rory im Krankenhaus.«

»Wie, was … warum …?«, stammelte ich nur.

Offensichtlich hatte er mit Fragen gerechnet, denn er unterbrach mich sofort. »Im Moment ist sie stabil. Und ehrlich gesagt weiß ich selber gar nicht, was passiert ist. Als ich von der Arbeit nach Hause gekommen bin, lag sie bewusstlos im Wohnzimmer. Anscheinend habe ich sie gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht. Sie hatte einen Herzinfarkt und zudem noch akuten Sauerstoffmangel. Kannst du dir das vorstellen?« Ich musste das erst einmal verdauen. »Eigentlich rufe ich an, weil ich dich fragen wollte, ob du weißt, wie man Rorys Freund erreichen kann. Immer wenn sie aufwacht, fragt sie nach ihm, und sobald sie sieht, dass er nicht da ist, verschlechtert sich ihr Zustand und sämtliche Werte rasseln in den Keller. Die Geräte spielen dann völlig verrückt. Aber weil man nicht erkennen kann, woher das Problem kommt, können die Ärzte nichts tun.«

Ich konnte die Verzweiflung in seiner Stimme hören. Und ich war ein wenig verwundert, dass Danny in dieser Situation nicht bei Rory war. Ich überlegte hektisch. Natürlich hatte ich auch keine Telefonnummer von ihm. Aber … genau. »Ähm, Rory hat mir mal erzählt, dass Nana Dannys Onkel kennt.«

Anscheinend hat Joe das nicht gewusst, zumindest hatte ich den Eindruck, dass es völlig neu für ihn war. Seltsam, dass Nana das nie erwähnt hat. »Danke Caro. Ich werde gleich mit ihr reden. Soll ich mich heute noch einmal melden? Es kann aber sehr spät werden.«

»Bitte ja, das wäre nett. Ich werde auf alle Fälle aufbleiben.«

Was war nur mit Rory passiert? Dass sie einfach so einen Herzinfarkt bekam, in ihrem Alter … Irgendein schwer fassbarer Gedanke spukte durch meinen Kopf. Was war das nur? Oh, mein Gott. Mist. Ihr Herz, das Stechen, die Schmerzen …, das hatte ich doch schon mal gehört. Und zwar von Rory selber. Das und die Tatsache, dass Danny nicht bei ihr war, konnte nur bedeuten, dass er sie verlassen hat. Dieser Idiot! Und dann ließ er sie auch noch alleine. Wusste er denn nicht …? Nein, das wusste er nicht. Bei aller Liebe, das hätte ihm Rory nie erzählt. Nie hätte sie gewollt, dass er sich womöglich verpflichtet fühlen würde, bei ihr zu bleiben. Trotzdem war ich wütend auf ihn. Rory hatte genau davor Angst gehabt, aber Danny hatte ihr damals geschworen, dass sie ihm vertrauen könnte. Alles Mögliche hatte er ihr versprochen, und zwar so lange, bis sie ihm wirklich geglaubt hatte, nur um dann doch zu gehen.

Später am Abend rief Rorys Vater noch einmal an. Er hörte sich fix und fertig an. »Caro, hallo. Rory ist soweit stabil. Und so wie es aussieht, hat Danny etwas mit ihrem Zustand zu tun. Er hat sie anscheinend verlassen und ist nach Italien gegangen. Aber was genau passiert ist, weiß ich immer noch nicht. Glaubst du, dass er ihr irgendwas angetan haben könnte?«

Er war wütend auf Danny. Klar, das war ich ja auch. Aber trotz allem konnte ich mir nicht vorstellen, dass er Rory ernsthaft wehtun wollte.

»Nein, das glaube ich nicht. Aber ich habe schon geahnt, dass es etwas mit Danny zu tun haben könnte. Rory hatte schon einmal …« Ich zögerte kurz. Sollte ich das wirklich erzählen? Rory hat mir das im Vertrauen gesagt. Aber zählt das jetzt noch? War es nicht viel wichtiger, dass ihr geholfen wurde? »Rory hatte schon einmal gesundheitliche Probleme. Gleich, nachdem sie Danny kennengelernt hat. Vielleicht erinnerst du dich daran. Sie hat damals längere Zeit immer wieder schlecht geschlafen, weil sie jede Nacht schlimme Albträume hatte.«

Joe schwieg kurz. Anscheinend versuchte er, sich zu erinnern. »Aber wieso? Was war denn damals?«

»Naja, nachdem die beiden sich erst nur zufällig getroffen hatten, wollte Danny Rory unbedingt wiedersehen. Allerdings hatte er sie viel älter eingeschätzt, als sie war. Und als sie ihm ihr Alter gesagt hat, ist er einfach gegangen. Sie hat damals geglaubt, sie würde ihn nie wieder sehen. Danach ist es ihr eine Weile richtig schlecht gegangen.«

»Hat dieser Mistkerl davon gewusst?«

Joe fragte sich dasselbe, wie ich mich zuvor. Aber ich konnte immer noch nicht glauben, dass Danny sich so verhalten hätte, wenn ihm auch nur ansatzweise bewusst gewesen wäre, wie heftig Rory reagieren würde. Was immer seine Gründe waren, sie zu verlassen; hätte er geahnt, was passieren könnte, hätte er zumindest dafür gesorgt, dass sie nicht alleine blieb.

»Soweit ich weiß, nicht. Rory war viel zu stolz, um ihm davon zu erzählen. Auf alle Fälle ist es sicher besser, sie vorerst nicht auf Danny anzusprechen.«

»Das habe ich auch schon bemerkt.« Joe seufzte. »Vielleicht könntest du sie morgen mal besuchen?«, fragte er dann hoffnungsvoll.

Ich ahnte zwar, dass ich Rory nicht wirklich helfen konnte, aber natürlich würde ich es trotzdem versuchen. »Sicher komme ich. Allerdings würde ich mir nicht allzu viele Hoffnungen machen.«

»Wir müssen es zumindest probieren. Ich habe wirklich Angst um sie. Körperlich mag sie ja stabil sein, aber …«

Er hatte natürlich recht. Es lag durchaus im Bereich des Möglichen, dass sie wirklich überzeugt war, ohne Danny nicht leben zu können. Noch vor einem Jahr wäre es für mich unvorstellbar gewesen, dass Rory sich wegen eines gebrochenen Herzens so verhalten könnte. Oder, dass ihr Herz tatsächlich im wörtlichen Sinn brechen würde.

Am nächsten Vormittag fuhr mich meine Mutter zum Krankenhaus. Bevor ich das Zimmer betrat, versuchte ich mich auf das vorzubereiten, was ich zu erwarten glaubte. Nämlich Rorys verzweifeltes Gesicht, wahrscheinlich verquollen vom Weinen. Als ich die Tür öffnete, drehte sie sofort ihren Kopf zu mir. Aber sobald sie mich erkannte, erstarb der hoffnungsvolle Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie sah ganz anders aus, als ich vermutet hatte. Teilnahmslos und leer. Sie sah so fremd aus und wirkte noch viel älter, als sonst schon immer. Fast wünschte ich mir nun, sie sähe verzweifelt und verheult aus. Damit könnte ich wahrscheinlich besser umgehen, als mit dieser fremden, völlig leeren Rory.

Sie musste fast eine Woche im Krankenhaus bleiben und wurde von oben bis unten durchgecheckt, aber man fand einfach keine körperlichen Ursachen für ihren schlechten Gesundheitszustand. Ein Arzt verglich ihre Symptome mit denen einer Sichelzellenanämie, obwohl sich in Rorys Blut nichts finden ließ, was auf diese Krankheit hinwies. Aber irgendetwas führte dazu, dass ihr Blut immer wieder verklumpte, was wiederum zu Entzündungen in den Organen, vor allem in Herz und Lunge, führte und sehr schmerzhaft war.

Aber man fand keine organischen Auslöser für ihren Zustand und einer der Ärzte stellte dann die Theorie auf, dass es wohl psychische Ursachen dafür geben müsste. Das hätte ich ihm gleich sagen können. Der Psychologe, der daraufhin versuchte, mit Rory zu sprechen, scheiterte immer wieder daran, dass sich ihr Zustand massiv verschlechterte, sobald das Gespräch auf Danny kam. Er sprach darüber mit Rorys Vater und mir. Seine Diagnose überraschte uns nicht wirklich und sogar die anderen behandelnden Ärzte zuckten lediglich mit den Achseln, als der Psychologe erklärte, dass Rory auf Dannys Verschwinden mit einer Art Entzugserscheinung reagierte. Sobald sie an Danny dachte, veränderten sich ihre Blutkörperchen und nahmen weniger Sauerstoff auf. Das führte dann zu den Beschwerden. Um sich selbst vor dem Schlimmsten zu schützen, führte ihr Körper unbewusst eine Ohnmacht herbei.

Die Ärzte konnten also nichts mehr für Rory tun und uns blieb lediglich die Hoffnung, dass eine Ohnmacht wirklich das Schlimmste verhindern würde, aber Garantie gab es dafür natürlich keine. Alle rechneten damit, dass es ihr mit der Zeit von alleine wieder besser gehen würde, aber nicht nur ich, sondern auch Rorys Vater blieb skeptisch, was diese Annahme betraf.

Unter diesen Umständen kam es natürlich nicht mehr infrage, dass Rory weiterhin so viel alleine zu Hause war. Also plante ihr Vater einige Veränderungen. Seine Freundin Kerstin würde zu ihm ziehen, somit wäre er wieder öfter zu Hause. Rory würde Nanas Wohnbereich bekommen, damit sie mehr Platz für sich hatte und sich etwas zurückziehen konnte und Nana würde mit einer Freundin, deren Mann vor Kurzem verstorben war, in die Wohnung von Kerstin ziehen.

Somit hatte Rory zwar weitgehend ihren eigenen Bereich, aber ihr Vater konnte jederzeit zu ihr, wenn sie Hilfe brauchte. Und die brauchte Rory dringend, auch wenn ihr das gar nicht recht war. Vor allem in der Nacht, wenn sie regelmäßig Albträume hatte und oft genug durch Schmerzen und Atemnot aus dem Schlaf gerissen wurde, sah ihr Vater regelmäßig nach ihr, weil er Angst hatte, dass sie womöglich einmal gar nicht mehr aufwachen würde. Weil Rory es aber immer noch hasste, so abhängig und zum Teil hilflos zu sein, sie konnte ihre Träume nun mal nicht kontrollieren, versuchte sie so wenig wie möglich zu schlafen, aber logischerweise war das nur begrenzt möglich. Weder Joe noch Rory bekamen zu der Zeit sehr viel Schlaf.

Aber Rory sah ohnehin so schlecht aus, dass der Schlafmangel nicht mehr viel Unterschied machte. Sie war immer schon extrem blass gewesen, aber früher hatte ihre Haut gestrahlt. Nun wirkte sie jedoch wächsern und ungesund. Unter den Augen hatte sie tiefe Ringe und ihre Lippen, die früher wegen ihrer natürlich roten Farbe oft wie geschminkt aussahen, waren nun völlig farblos und rissig. Außerdem waren Rorys Haare, die immer so geglänzt hatten, nun stumpf und sie magerte total ab.

Ziemlich beunruhigend war zudem, dass sie anfing zu lernen. In den Ferien. Von früh bis spät. Während sie früher immer eine Langschläferin war, stand sie nun schon bei Sonnenaufgang auf und lernte. Dann machte sie den ganzen Tag weiter. Bis weit nach Mitternacht tat sie nichts anderes, als zu lernen.

Als die Schule wieder anfing, dauerte es nur wenige Wochen, bis sie zu den besten Schülern der Klasse gehörte. Rory war immer schon klug gewesen. Aber sie hatte auch immer behauptet, klug genug zu sein, um zu wissen, wie viel sie lernen müsste, damit sie gut durch die Schule kam. Sprich, sie hatte für die Schule nur gerade so viel getan, wie unbedingt nötig war. Und war daher, genau wie ich, immer eher im unteren Mittelfeld anzutreffen. Aber da sie nun nichts anderes mehr tat als lernen, war sie bald eine Spitzenschülerin, und ich profitierte ebenfalls davon.

Denn da ich nicht wusste, worüber ich mit ihr sprechen sollte, verbrachten wir die Pausen damit, dass sie mir Mathe erklärte oder mich Vokabeln abfragte. Natürlich verstand ich, wozu das alles gut war. Sie lernte, um nicht über etwas anderes nachdenken zu müssen. Sie las keine Bücher, sah nicht fern und hörte keine Musik. Sie versuchte mit aller Kraft, jeden Gedanken an Danny zu vermeiden.

Rory bemühte sich zwar so zu tun, als ob es ihr gut ging, aber dabei scheiterte sie kläglich. Es war klar, dass sie absolut nichts von dem mitbekam, was rund um sie geschah und wenn sie einmal versuchte zu lächeln, schreckten davor eigentlich alle zurück, weil es nur gruselig aussah.

Genau wie ich geahnt hatte, wurde es auch mit der Zeit nicht besser. Ich hatte eher das Gefühl, dass es schlimmer wurde. Die Tatsache, dass sie so angestrengt versuchte, ihre Gefühle zu kontrollieren kombiniert mit dem Schlafmangel, führte eher dazu, dass es ihr gesundheitlich immer schlechter ging.

Außerdem fehlte sie mir. Obwohl ich sie jeden Tag in der Schule sah, vermisste ich sie. Vermisste es, mit ihr über alles Mögliche zu reden und zu lachen. Ich wusste, dass es egoistisch und gemein war, so zu denken. Aber ich tat mir schwer damit, echte Freundschaften zu schließen. Und dann hatte ich eine Freundin, mit der ich über nichts reden konnte. Gut, sie hatte Liebeskummer, aber ich vielleicht auch. Nur konnte ihr nichts davon erzählen, geschweige denn sie um Rat fragen, denn dann würde sie vielleicht sterben. Außerhalb der Schule sahen wir uns kaum noch. Sie war viel alleine und unternahm nie etwas. Der Einzige, der sich nicht von ihrer Gleichgültigkeit abhalten ließ, war Max.

Als Rory vom Krankenhaus nach Hause kam, sprach er sie, taktlos wie er war, sofort auf die Trennung von Danny an und musste völlig geschockt mit ansehen, wie sie in Ohnmacht fiel. Ihr Vater las ihm daraufhin gehörig die Leviten. Allerdings erklärte er Max nicht, was eigentlich passiert war. Also kam er ziemlich ratlos zu mir.

»Was ist denn mit Rory? Die ist gerade in Ohnmacht gefallen. Und Joe hat mich total zur Schnecke gemacht. So habe ich ihn noch nie erlebt, dabei habe ich diesmal echt keine Ahnung, was ich getan habe.«

Ich war erst ziemlich erstaunt, dass er überhaupt zu mir gekommen war. Wir kannten uns ja kaum. Aber dann wurde ich sauer auf ihn. Das war ja wieder typisch. Sie hatten alle nur darauf gewartet, dass Danny Rory verlässt. Und jetzt würden sie ihr sicher keine Ruhe lassen. Mist! Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. »Was genau hast du zu ihr gesagt?«, schnauzte ich ihn an.

Max war ein wenig verdutzt über meinen Tonfall. »Naja, ich habe gefragt, ob sich ihr Typ doch endlich eine Freundin gesucht hat, die alt genug ist für ihn.« Wenigstens hatte er den Anstand, beschämt auszusehen.

»Ja, Danny ist weg. Er ist in Italien. Aber sprich sie ja nicht darauf an. Du hast ja selber gesehen, was dann passiert.«

Max sah mich an, als ob er kein Wort verstanden hatte. »Moment mal, Rory ist so fertig wegen dieses Typen? Rory? Ausgerechnet sie, die immer auch alleine wunderbar zurechtgekommen ist?«

»Lass sie bloß in Ruhe, verstanden? Und sag das den anderen auch.«

»Wow, ich muss das erst verdauen. Rory heult dem Typen echt nach?« Er konnte es immer noch nicht fassen.

»Nein sie heult ihm nicht einfach nach. Sie ist fix und fertig. Also LASS SIE IN RUHE! Sprich sie nie wieder auf Danny an, okay?«, blaffte ich ihn gereizt an.

Er sah immer noch ziemlich verwirrt aus, aber im Weggehen nickte er. Soweit ich wusste, hat er den anderen tatsächlich gesagt, dass sie Rory in Ruhe lassen sollten. Natürlich begegneten sie ihr auch kaum mehr. Aber ganz vermeiden ließ es sich doch nicht und nie fragte jemals irgendeiner von ihnen nach Danny.

Max selber erstaunte mich, ehrlich gesagt, am meisten. Er ließ sich von Rorys teilnahmslosem Verhalten nicht vertreiben und besuchte sie fast jeden Tag. Auch wenn sie nicht darauf einging, hockte er in ihrem Zimmer, und erzählte ihr einfach belanglose Dinge oder saß nur da, während sie lernte, was ziemlich langweilig sein musste, da Rory weder fernsehen, noch Musik hören wollte. Nach einigen Wochen schaffte Max es sogar, sie dazu zu überreden, mal etwas mit ihm zu unternehmen. Wahrscheinlich wollte sie ihm nur einen Gefallen tun. Sie hatte es auch früher immer schon gehasst, wenn sie bemitleidet wurde, also bemühte sie sich, trotz allem halbwegs normal zu erscheinen.

Mir war natürlich klar, dass Max mehr denn je verliebt war in Rory. Und er machte sich Hoffnungen, dass sie ihn vielleicht erhören würde, wenn es ihr besser ging. Aber ich bezweifelte, dass Rory sich darüber klar war. Ich hatte Max sogar gewarnt, dass er sich keine Hoffnungen machen sollte, aber er wollte das nicht hören. Und solange er sich weiterhin um Rory kümmerte, ohne sie zu bedrängen, war es wahrscheinlich auch in Ordnung.


Kapitel 3

Ende Jänner veranstaltete das Rote Kreuz einen Ball, zu dem wir alle gehen wollten. Sowohl Max als auch Rorys Vater waren als freiwillige Helfer beim Roten Kreuz und hatten beide auf Rory eingeredet, damit sie mitkam. Ich wusste, dass Max sich in Bezug auf Rory etwas Besonderes von diesem Abend erhoffte. Seiner Ansicht nach ging es ihr schon viel besser, aber ich konnte diese Meinung nicht teilen. Ich glaubte nicht, dass es ihr besser ging, sondern, dass wir uns nur an diese leere und teilnahmslose Rory gewöhnt hatten. Es erschreckte uns nicht mehr so sehr, wie am Anfang.

Etwa eine Stunde bevor mich mein Vater zum Ball bringen sollte, läutete es an unserer Tür. Als ich öffnete, sah ich zu meinem Erstaunen Danny vor mir stehen. Ich blinzelte mehrmals, weil ich es kaum glauben konnte, dass er echt war. Da niemand je von Danny sprach, war es fast so, als ob er nur ein schlechter Traum war. Aber nun stand er hier vor mir und er sah irgendwie anders aus, als ich ihn in Erinnerung hatte.

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